Unter weißen Segeln – Sprachraum-Trainerausbildung auf dem Boot

von Dr. Andreas Hendrich (Foto und Beitrag)

Trainer bringen anderen etwas bei. Klingt einfach, wird aber häufig auch zur Herausforderung – vorsichtig ausgedrückt. Natürlich braucht man zunächst Handwerkszeug: Was ist die andere Seite des Beibringens, das Lernen, und wie funktioniert das? Wie gehe ich mit dem „Stoff“ um? Wie schaffe ich eine lernförderliche Atmosphäre? Wie kann ich aus komplexen Hintergrundtheorien eine praxistaugliche Lernsituation erschaffen?

Neben den „Wie“-Fragen gibt es eine Reihe von Themen, bei denen es eher um die beteiligten Personen und deren Interaktion geht. Interaktion an sich ist ja schön. Das Problem dabei ist nur, dass die anderen mitreden wollen. Wie bringt man also in einer Trainerausbildung zukünftigen Trainerinnen und Trainern bei, wie sie erfolgreich mit solchen Situationen umgehen können? Es gibt viele gute Theorien zum Thema Gruppendynamik. Aber auch hier stellt sich – noch dringender – die Frage nach dem praktischen „Wie“.

Raus aus dem Gewohnten …

Als erstes muss man mit solchen Themen natürlich raus aus der gewohnten Umgebung. „Solche“ Themen sind Themen, bei denen sich der Lernprozess mehr um innere Einstellungen und Haltungsveränderungen dreht. Es braucht also eine sichere Nicht-Komfort-Zone, die auch das Potenzial für allerlei Nichtvorhersehbares bietet. Eine Art eingehegte Freiheit mit Randomisierungsfunktion also.

Zudem ist es für Gruppenprozesse und Führungsfragen gut, wenn man ein Konzept dafür hat. Eines, das einerseits kräftig und umfassend genug ist, um alle möglichen Konstellationen abbilden zu können und dabei gleichzeitig aber auch klar genug ist, dass man daraus sicher Einschätzungen und Entscheidungen ableiten kann. Andererseits muss es fremd genug sein, damit man nicht Gefahr läuft, all die divergierenden Wahrnehmungen, Ansichten und Einstellungen der „anderen“ in die eigene Brille zu zwängen. Eine schöne Welt aus widersprüchlichen Anforderungen also.

Das Segelboot als Hintergrundkonzept für „Gruppe“ und „Führung“

In der Sprachraum Trainerausbildung heißt eine Lösung „Boot“. Großes Boot.

Das Basiskonzept für Führung ist zunächst „Steuermann“ bzw. „Kommandeur“ und für die Teilnehmer „Mannschaft“. Gut, dass (fast) alle bisherigen Teilnehmer unserer Ausbildung auch nicht segeln konnten, so waren also die Faktoren „randomisiert“ und „nichtvorhersehbar“ ausreichend repräsentiert. Fremd war die Umgebung allemal. „Segelboot auf dem Wasser“ ist generell ein gutes Konzept für allerlei, weil es diverse intuitive Anschlussstellen bietet, sowohl individuell als auch für Gruppen. Beteiligte Faktoren wie „Wasser“, „Wetter“, „Container“ und „Konstruktion“ – um nur einige zu nennen – sind als konzeptuelle Metaphern weit verbreitet. Es gibt viele übliche Ableitungen, die sich offensichtlich anbieten, wie die genannten „Steuermann“ und „Mannschaft“ für Gruppenkonstellationen, aber auch „Wetter“ als globale Einflussfaktoren, denen man ausgeliefert ist, oder „Konstruktion“ als Analogon für Trainingskonzept, Persönlichkeitsstruktur oder gar Resilienzmodell. Trotzdem bietet die Situation auch viele Möglichkeiten für ganz individuelle und evtl. nicht geteilte Konzeptualisierungen. Eine, die mich hier wirklich überrascht hat, war „So ein Boot ist ja wie ich, also in mir da sind ja ganz viele verschiedene Stimmen oder Personen, die ich in Einklang bringen muss, damit ich auf Kurs bleibe.“

Lohnt sich der Aufwand?

Ok. Segeln ist sehr cool. Vor allem hinterher. Trotzdem ist es natürlich legitim zu fragen, ob sich der Aufwand neben dem reinen Eventcharakter lohnt. Outdoor, nur damit man mal draußen war und frische Luft geschnappt hat, ist wie ich finde kein ausreichender Grund.

Eine generelle Frage bei aufwändigeren Trainingskonzepten. Dafür sprechen auf jeden Fall die schon genannten Faktoren. Tiefergehend ist zudem die Verknüpfung von ganz konkreten Lernaufgaben in einer (erfahrungs-)reichen Situation, die viel Embodiment ins Denken bringt und gleichzeitig die Möglichkeit zur „konkreten Abstraktion“ bietet (schon wieder so ein schöner Widerspruch …), sehr wertvoll, wenn nicht gar unersetzlich. Gleichzeitig ermöglicht der Konzeptreichtum der Situation den Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Entwicklung von sehr individuellen Theorien. Theorien, die keine Standardtheorien sein müssen, die aber durch die weite kulturelle Einbettung der Hintergrundkonzepte (Wetter, Boot etc.) gut dagegen gesichert sind, dass sie evtl. „zu abgedreht“ sind. Diese Hintergrundkonzepte auch ein gutes Ausweichterrain, wenn die Kommunikation über Gruppenprozesse oder in Führungssituationen an festgefahrenen Gedankenwelten oder mangelnder Fremdperspektive zu scheitern droht. Zu guter Letzt vermittelt „Segelboot auf dem Wasser“ Werte. Andere natürlich als beispielsweise „Paintball“. Die Beteiligten können – und das ist gerade in diesen Tagen sehr wertvoll – weltanschaulich neutral und trotzdem wertorientiert über tiefere Belange reflektieren, wenn sie möchten.

Komplexe Lernsituationen für komplexe Lerninhalte sind also wie ich finde sehr gut, wenn die entsprechenden Anforderungen und Hintergrundkonzepte, die sich daraus ergeben, gut durchdacht sind.

Wir waren mit unserem TTT-Modul auf der „Sir Shackleton“ dem Seminarschiff Ammersee. https://www.ammersee-seminarschiff.de/


Der Autor

Dieses Nähkästchen wurde von Dr. Andreas Hendrich verfasst. Kontaktieren Sie bei Interesse andreas.hendrich[at]sprachraum.org.


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