„Ich höre Deine Stimme und weiß wer Du bist“

von Caroline Frauer

Die Aussagekraft der Stimme über die Person, ihren Charakter und ihre Stimmung ist spannend und trägt mit dazu bei, dass ich Stimmtrainings und –coachings so gerne gebe. Wieviel erfahren wir anhand der Stimme und des Sprechens über die dazugehörige Person? Die Fakten die mir spontan dazu einfallen sind: die Anatomie eines Menschen hat Einfluss auf den Stimmklang (Länge der Stimmlippen, Größe des Kehlkopfes etc.) – das hat tatsächlich gar nichts mit der Persönlichkeit, dem Charakter oder der Stimmung zu tun. Weiterhin bestimmen die Körperhaltung und Spannungszustände der Muskeln das Stimmergebnis. Da rücken wir schon näher an die Person heran – zumindest in unseren Interpretationsmöglichkeiten eröffnen sich (durchaus schlüssige) Zusammenhänge:

Stimmklang gepresst, Körperhaltung steif, stark verspannte Nackenmuskulatur – „der ist gestresst“, „verbissene Lebensführung“, „extrem unter Leistungsdruck“… Ähnlich gut gelingen uns Rückschlüsse beim Beobachten der (Sprech-)Atmung. So macht Schnappatmung einen gehetzten und gestressten Eindruck – der Sprecher ist nicht entspannt und damit nicht souverän. Und auch die Artikulation ist sehr aussagekräftig– Kiefer geht nicht auseinander beim Sprechen heißt doch, dass der Sprecher nichts von sich preisgeben möchte und sich durchs Leben beißt?! Ich liebe diese Interpretationsansätze tatsächlich. Oft treffen Sie meiner Erfahrung nach zu.

ABER: ES KÖNNTE AUCH GANZ ANDERS SEIN.

Wir geraten allein durch das Hören eines Sprechers so schnell in einen Bewertungsstrudel, der am Ende unter Umständen doch sehr weit von der sprechenden Person und ihrem Wesen entfernt ist. Eine Stimme und eine Sprechweise ist nicht nur Ausdruck der momentanen physischen und psychischen Verfassung sondern wie Horst Gundermann schreibt eine „lauthafte Biographie“ und beinhaltet damit Einflüsse aus einem sehr langen Zeitraum. Gleichzeitig ist Stimme formbar, verstellbar, trainierbar – so bedeutet ein ruhiger, klarer Stimmklang nicht zwangsläufig, dass der Sprecher ruhig und entspannt ist – evtl. hat er nur gelernt, seinen Körper, seine Atmung und schlussendlich seinen Stimmklang zu kontrollieren.

Mein Ansatz in Trainings und Coachings ist daher: Beobachtungen und Gehörtes möglichst objektiv beschreiben, eine Interpretation in Bezug auf die dazugehörige Person als solche deutlich kennzeichnen und sie mit einem Fragezeichen versehen, welches – im Sinne eines Denkanstoßes – nur von der Person selbst aufgelöst werden kann.


Die Autorin

Dieses Nähkästchen wurde von Caroline Frauer verfasst.
Kontaktieren Sie bei Interesse caroline.frauer [at] sprachraum.org


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